Pogrom

Wir saßen Rund um das Lagerfeuer herum.  Die Dämmerung brach herein.  Ein Sommerabend im Norden Israels ist etwas Wunderschönes. Die Berge, die leichte Brise die ein bisschen Kühle mit sich bringt, so dass man einen Pullover anziehen muss. Die Luft, die nach Oregano und Pinien duftet.  In Kabri war das, wo meine Eltern mit ihren Freunden die Tradition pflegten, jeden Sommer Camping zu machen.  Kein Meer, kein Sand, keine feuchte Luft, sondern Berge und Nadelbäume.  Fast wie damals in Europa.  Wir Kinder konnten ohne Einschränkung überall spielen.  Im Schwimmbad planschen,' oder, am besten, Krieg spielen. In den gepanzerten Schrottfahrzeugen, mit den fest geschweißten Maschinengewehren, die vom ersten Krieg noch als Denkmal da standen. Die Geschichte dieser Fahrzeuge kannten wir auswendig. Eine Karawane mit tapferen Männern und Frauen sollte Lebensmittel und Medikamente irgendwohin bringen. Sie wurden überfallen, alle kämpften bis zum Letzten, aber der Feind war wie immer in der Mehrzahl und besser ausgerüstet, so starben alle und wurden zu Helden der Nation. Wir aber starben nicht, sondern gewannen und blieben am Leben. Nach Lust und Laune wurden wir höchstens schwer verletzt.  Nach dem Nachmittagskampf liefen wir die paar hundert Meter bis zum Campingplatz zurück, um Lagerfeuer zu organisieren.  An diesem Abend war es eine besonders lustige Runde.  Die Tochter von irgendwelchen Freunden meiner Eltern brachte ihre Freunde mit.  Sie waren älter als wir, fast Soldaten. Sie hatten Gitarren dabei, sie spielten und sangen und erzählten Witze. Weil ich auch Gitarre spielte, bekam ich sogar einen Ehrenplatz bei ihnen.  Ein Paradies auf Erden.

Der schwarze Hund tauchte vom Pinienwald auf.  Er war mager, hatte mehrere Wunden am ganzen Körper und winselte.  Er ging langsam und unterwürfig in unsere Richtung.  Er wedelte mit seiner Rute und blieb ein paar Schritte vor uns stehen, den Kopf gesenkt. Ein Mischling war er, mittelgroß, Zecken hingen überall an seinem Körper.  Die Mädchen schrien vor Ekel, und die Jungs traten sofort in Aktion, in kämpferischer Bereitschaft die Bedrohung auf eine israelische Art zu beseitigen. Bestimmt ein Dorfköter vom benachbarten arabischen Dorf, sagte der eine und fing an, den Hund mit Steinen zu bewerfen.  Hau ab du scheiß Hund!  Weg! ... Hat bestimmt Tollwut, sagte der andere, passt auf, dass er nicht beißt. Alle bewarfen den Hund mit Steinen und Stöcken. Der Hund blieb stehen. Er rannte nicht weg, obwohl die Steine ihn mehrmals trafen, er winselte nur jedesmal schmerzvoll, wenn er getroffen wurde. Halt! schrie ich. Er will uns nichts tun!  Er gehört jemandem, seht ihr nicht? Er will zu uns!  Sie hörten mir nicht zu.  Meine Mutter schneuzte mich an,' ich solle mich nicht lächerlich machen.  Das wollte ich auch nicht. Der eine sagte mir" woher, du Klugscheißer, willst du wissen, dass er nicht gefährlich ist?  Man sieht es doch, sagte ich.  Aber ich war der einzige, der das sah. Inzwischen war es ein lustiger Wettkampf geworden, wer den besten Treffer erzielte. Die Vertreibung des Hundes löste die Gitarren als Stimmungsmacher ab.  Der Hund stand da', Blut lief über seinen Kopf.  Seine Augen zeigten, dass er nicht verstand, warum das alles geschah.  Schmerz zeigten die Augen, Trauer und Enttäuschung.  Er drehte sich um.  Langsam lief er davon und verschwand in der Dunkelheit.

Noch Stunden saßen wir am Lagerfeuer, sangen, spielten, erzählten Witze. Der Hund war sofort danach vergessen.  Ich denke noch nach dreissig Jahren darüber nach.  Es geht mir nicht aus dem Kopf.  Wie dicht Gutmütigkeit und Grausamkeit beieinander liegen können. Jahre danach, im Gymnasium, als wir über die Pogrome in Russland sprachen, sagte ich dem Lehrer, dass ich die Kosaken verstehen kann wurde sofort zur Leitung geschickt.  Als ich dem Direktor die Geschichte des Hundes erzählte, schrie er mich an, ich solle nicht Menschen mit Hunden vergleichen.

Mache ich auch nicht.

 

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