Jeder Durchschnittsmensch hat ein Hobby.

Ich spiele Gitarre, Flamenco Gitarre. Deswegen sind die Fingernägel meiner rechten Hand lang, präzis manikürt und mit einem dicken Schicht glänzenden Nägelhärters lackiert. Ohne dies würden sie in kürzester Zeit durch die Reibung der Saiten zerbrechen.

 

Jeder Durchschnittsmensch hat einen Freund.

Mein Freund heißt Thomas. Thomas ist Geschäftsführer einer Firma. Als Geschäftsführer einer Firma in diesen schwierigen Zeiten wird man sehr viel Druck ausgesetzt. Als Thomas mich mal angerufen hat, um mir zu erzählen, dass bestimmte Maßnahmen, die er bei seinen Mitarbeitern durchführen muss, ihn bei denen sehr unbeliebt machen würde, und man außerdem als Geschäftsführer sowieso immer unbeliebt sei, tröstete ich ihn damit, dass ich ihm sagte, ich habe ihn doch lieb, also ganz ungeliebt von allen sei er doch nicht. Thomas lachte und seitdem beendeten wir jeder Telefongespräch mit „Ich habe dich lieb, ich dich auch“. Mit der Zeit hat sich der Witz so weiter entwickelt, dass Thomas Frau Ina bemerken musste, dass unsere Umgangssprache beim Abschied der zweier kleiner, ziemlich unterbelichteter Kinder ähnelte.

 

Jeder Durchschnittsmensch hat einen Versicherungsvertreter.

Mein Versicherungsvertreter heißt Hartmann. Hartmann kommt aus dem Osten Deutschlands, ist also ein Ossi. Ich komme aus dem Nahen Osten, bin also auch ein Ossi. Erstaunt waren wir beide über die Ähnlichkeiten unserer Erfahrungen im sogenannten Westdeutschland. Er als Ossi, ich als Ausländer. Gemeinsam bedauerten wir den Einstieg in die schnelle, harte, konsumorientierte westliche Welt. Gemeinsam stellten wir fest, dass wir von der gemütlichen Faulheit unserer sozialistischen bzw. orientalischen Vergangenheit nichts behielten. Wie alle anderen Wessis sind wir nur am Schaffen, Schaffen und noch mal Schaffen. Ausserdem entdeckten wir, dass Schwarzhumor und Zynismus uns sozialistischen Orientalen sehr vertraut waren. Als ich mich einmal von ihm mit dem Witz „Auf Wiedersehen Herr Hartmann, und frohes Anschaffen wünsche ich ihnen“, verabschiedete, lachte er herzhaft und wünschte mir ebenfalls „frohes Anschaffen“. Seitdem verabschiedeten wir uns immer mit diesem internen Witz.

 

Jeder Durchschnittsmensch übt einen Beruf aus.

Ich bin Hundeausbilder. Im Rahmen meines Berufes berate ich Hundebesitzer im Bereich des Hundeverhaltens. Menschen, die Probleme mit ihren Hunden haben, kommen zu mir um beraten zu werden, wie sie die Probleme des Hundes wieder gut machen sollen. Nun aber, wie wir wissen, haben Hunde meistens keine Probleme. Sie verursachen welche, aber diese Probleme sind unsere und nicht ihre. Wenn ein Hund nicht gehorcht, kommt es nicht von seiner Aktion, sondern von der Interaktion zwischen ihm und demjenigen, der diese Gehorsamkeit einfordert. Also eine mangelhafte Kommunikation. Die meisten Hunde bemühen sich wahrhaft, ihre Besitzer zu verstehen, aber die meisten Besitzer, obwohl davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben, weisen eine sehr mangelhafte Verständigung mit ihren Vierbeinern auf. Kommen sie zu mir, um zu wissen was mit dem Hund falsch sei, werden sie aufgeklärt, was bei ihnen nicht richtig ist.

 

So ein Gespräch hatte ich an diesem Montag Abend. Lange hat der Mann die Probleme des Hundes beschrieben. Mich ließ er kaum zum Wort kommen. Erfahrung bei der Hundeerziehung sei vorhanden. Zwei Hunde hatte das Ehepaar schon. Beide wohlerzogen. Aufs Wort gehorchten sie. Ein energisches Wort oder Geste, und die Hunde parierten sofort. Nur beim dritten Hund klappt nichts. Unterwürfig sei er, sagte der Mann, ängstlich. Dabei dickköpfig. Egal was man macht, er macht was er will. Sogar mit Stachel-Halsband zerrt er an der Leine. Aber Werner, sagte die Frau leise, wenn ich mit ihm alleine bin, dann..., Würdest du mich bitte ausreden lassen!? sagte der Mann barsch. Ich, Herr Fishman, bin nicht der Typ, der großartige Diskussionen mit dem Hund toleriert. Ich bin der Herr im Haus, und der Hund hat zu gehorchen. Meine Frau ist anderer Meinung, Herr Fishman. Sanft soll ich mit ihm umgehen, sagt sie, ich wäre zu hart zu ihm. Mit den anderen habe ich Schutzdienst gemacht! Nur der will nicht beißen, Verweigerung nennt man so was! Wenn er nicht gehorcht, muss er mit Konsequenzen rechnen!

 

Na ja, mein Herr, sagte ich vorsichtig, recht überrascht vom patriarchalischen Angriff. Nicht jeder Hund kann mit dieser Umgangsart zurecht kommen. In gewissen Punkten muss ich Ihrer Frau Recht geben. Dieser autoritäre, harte, männliche Führungsstil mag bei den zwei vorherigen Hunden wirksam gewesen sein, bei diesem aber nicht. Er ist wahrscheinlich weicher als die anderen, sensibler. So denke ich auch, sagte die Frau resignierend, deswegen sind wir hier. Mein Mann wollte nicht mitkommen, aber ich dachte, wenn er es von Ihnen hört, lässt er sich vielleicht überzeugen. Weicher! sagte der Mann, so ein Unsinn. Er ist ein Rüde und keine Hündin!.   Rüden sind nicht härter als Hündinnen, mein Herr, sagte ich, und Männer sind nicht immer tapfer und stark... Wir sind doch beide Männer, Herr Fishman, sagte er. Ich meine, richtige Männer, vom alten Eisen. Solche, die mit Hunden richtig umgehen können. Die gesunde Unterordnung zu schätzen wissen, nicht wie diese Weicheier, diese,,, wenn ich so sagen darf, Schwuchteln, die ihre Hunde vermenschlichen.

 

Jetzt gereizt, meine rechte Hand auf dem Tisch, die Finger eine Flamenco Rhythmus tippend, meine Augen seine fixierend, sagte ich übertrieben sanft: Sie sollten wissen, mein Herr, es gibt in der Welt männliche Exemplare, die nicht unbedingt Ihrer Ansicht der Männlichkeit entsprechen. Diese Exemplare, ob Hund oder Mensch, sind trotzdem vollwertige Lebewesen, die Respekt verdienen. Der Mann beobachtete fasziniert meine nervös tippenden Finger mit den einwandfreien langgeformten und glanzlackierten Fingernägeln. Menschen, die ihre Hunde vermenschlichen, als Homosexuelle zu bezeichnen, fuhr ich sanft fort, ist nicht korrekt. Es gibt bestimmt Homosexuelle, die mit Hunden hervorragend umgehen können. Noch dazu heißt es längst nicht, das nur Heterosexuelle Schutzdienst als Sport ausüben. Ich setzte eine dramatische Pause ein, um die Wirkung meiner Wörter zu erhöhen. Es herrschte spannungsvolles Schweigen.

 

Das Telefon klingelte. Ich denke wir haben genug für heute gehört, sagte der Mann, meine Fingernägel angaffend. Wir möchten jetzt bezahlen. Während er das Geld zählte, drückte ich auf den Knopf des Anrufbeantworters, um die zwei neuen Nachrichten, die darauf waren zu hören. So gereizt war ich, dass ich mich irgendwie beschäftigen musste. Die freudevolle Stimme meines Freundes Thomas war zu hören. Hallo mein Süßer, sagte er im kindlichen Tonfall, wie geht es dir, Kleiner? Ruf mich heute Abend bitte an und vergiss nicht, dass ich dich sehr lieb habe. Der Mann hörte mit dem Zählen auf. Der Anrufbeantworter piepte noch einmal und die belustigte Stimme Hartmans war zu hören. Hallo, mein liebster orientalischer Kunde. Hier spricht der Ossi Hartmann. Wäre nett, wenn wir den Termin von heute Abend auf morgen Abend verschieben könnten. Habe für heute genug angeschafft, und weil ich mit ihnen ehrlich sein darf, mir fehlt heute die Kraft. In diesem Sinne Herr Fishman, frohes Anschaffen, hihi.

Nur die Frau drückte mir die Hand zum Abschied.

 

 

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